Kommunalka (Gemeinschaftswohnung): dein Leben nach den Regeln der Anderen

Kommunalka (Gemeinschaftswohnung): dein Leben nach den Regeln der Anderen

Diesen Post widme ich dem nicht festlichen Sankt-Petersburg. Auf meiner Webseite seid ihr wahrscheinlich mit allen „must see“ und „must do“ in der Stadt bereits bekannt geworden. Dies ist etwas, was jeder Tourist, der hier ankommt, machen soll. Die Nördliche Hauptstadt Russlands bezaubert jedes Jahr Tausende von Ausländern.

Aber es gibt ein anderes Petersburg. Es ist sehr nah an den feierlichen Denkmälern und Luxus-Hotels. Es ist auf der Rückseite ihren Fassaden, in den Brunnen-Höfe und unansehnlichen Torwegen. Dort, auf der anderen Seite des glänzenden Petersburgs verbirgt sich kein buntes Leben der Bewohner von Kommunalka.

Dieser Post trägt keine praktische Verwendung. Und vielleicht er wird nicht sehr interessant. Jedoch sind Gemeinschaftswohnungen ein integraler Bestandteil des Lebens von St. Petersburg, sowie vielen anderen russischen Städten. Aber hier haben sie noch düstereres Kolorit, denn sie sind in engen Brunnen-Innenhöfen und einem grauen, regnerischen Klima ummauert.

Diese Geschichte kommt aus erster Hand. Ich bin ein Kind der Sowjetunion, oder besser gesagt, ihrer Perestroika-Ära. Ich erinnere mich lebhaft an die leeren Regale in den Geschäften und lange Schlangen für Brot und andere Grundnahrungsmittel, die ausschließlich für Coupons ausgegeben wurden und auf eine Person beschränkt. Ich war dann nur 9 Jahre alt. Mit dem Geld, Nahrung und Kleidung war es sehr knapp.

Und dazu bin ich noch ein Kind des Gemeinschaftslebens. Ich bin geboren und in der Innenstadt erzogen, wo Gemeinschaftswohnungen nämlich konzentriert sind. Ich habe Wissen nicht vom Hörensagen, was ein langer Korridor mit Mehrfamilienzimmern und gemeinsame Nutzungsräume sind. Dies ist, wenn in einem Raum ganz verschiedenartige Menschen versammelt sind – mit unterschiedlichem Intelligenzniveau, Lebensstil, Interessen, Gesprächen. Und du musst sie jeden Tag sehen, nur weil es durch eine Fügung deines Schicksals ist.

Das Problem mit Wohnhäusern war in meiner Kindheit sehr akut. Die Stadt konnte nicht die Erschwerung von Zugereisten aus anderen Städten Russlands und den Republiken der Sowjetunion bewältigen, die nach Moskau, St. Petersburg und anderen großen Städten kamen, um den Industriesektor des Landes zu entwickeln.

Dieses Problem bleibt akut bis jetzt. Bis heutzutage, auch im 21. Jahrhundert, St. Petersburg enthält eine riesige Menge von Kommunalka. Dies ist trotz der Tatsache, dass die Stadt wird aktiv im Außenbezirk und weiter in der Oblast aufgebaut. Das ist um so bitterer, weil es in der Gesellschaft große soziale Schichtung gibt: jemand ein Luxus-Auto fährt und in einem Luxus-Haus lebt, und jemand muss ein Leben unter dem gleichen Dach mit absolut andersgesinnten Leuten führen, nebenbei mit ihnen einen Kühlschrank und eine Toilette teilen.

Starke Leute versuchen irgendwie das Wohnungsproblem zu lösen: sie vermieten eigenes Zimmer, und mieten selbst eine Unterkunft; oder verkaufen ihr Zimmer, dann zahlen diesen Betrag für den Kauf einer separaten Wohnung ein, und bezahlen den Rest in eine Hypothek, die sie während 10-20 Jahre versklavt.

Schwache Menschen bevorzugen es, mit dem Strom zu schwimmen, sie ergeben sich mit ihrem Schicksal und schimpfen die Regierung, schließlich finden sie Trost in Alkohol. Die größte Zahl der Alkoholiker und Drogenabhängige lebt nämlich in Bedingungen der Gemeinschaftswohnungen, die menschliche Individualität zerstören.

Dies ist nur ein Vorwort, quasi eine Skizze eines schweren städtischen Problems. Wenn ihr einen Wunsch habt, einige Fotos, Videos, Wohnungsgrundrisse zu sehen, Interviews mit echten Bewohnern von Kommunalka zu hören, verweise ich euch auf die Webseite www.kommunalka.spb.ru Diese einzigartige Webseite wurde von den russisch-amerikanischen Anthropologen entwickelt und auf Russisch und Englisch verfügbar ist. Sie enthält wahre Fakten, eine Menge interessanter Dinge aus Leben der Gemeinschaftswohnungen, veranschaulichende Fotos und Videos. Das heißt – ein virtuelles Museum zum Thema der sowjetrussischen gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Ich denke, nach dieser „Tour“, zu Fuß durch die Hauptstraßen gehend, werdet ihr die Realität der Stadt umfassender wahrnehmen.



Viele Grüße aus St. Petersburg,

Gertruda


Comments

  1. Beate Scharf Says: Dezember 12, 2015 at 10:33 pm

    Ich kenne diese Gemeinschaftswohnungen aus der Literatur und mußte als junge Ehefrau mit Baby Küche und Klo mit einer anderen Familie teilen. Es war der Horror, obwohl die Frau nett war, aber leider schlampig. Der Idiot, der geputzt hat, war ich.

    Ich denke, die Stadt St. Petersburg müßte ein Stadtplanungsamt haben, welches Baugebiete und Renovierungsgebiete ausweist und Regeln dafür aufstellt. Hier gibt es dann Wohnungsbaugesellschaften, private und kommunale, die dann z.B. einen Wohnblock bauen und vermieten oder die Wohnungen als Eigentumswohnungen verkaufen. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft baut Wohnungen zum vermieten, auch für sozial schwache Bürger (leider in den letzten Jahren viel zu wenig). Es gibt auch Genossenschaften, in die Leute Geld einzahlen und einen geringen Zuschlag zur Miete. Diese Genossenschaften bauen und renovieren auch Wohnungen, und da sie keine Gewinne machen dürfen, sind die Wohnungen relativ günstig zu mieten.

    Die Kommunalkas müßten, wenn es so gemacht würde wie bei uns, nach und nach renovviert und auf den neuesten Stand gebracht werden. Sie können in kleinere Wohneinheiten aufgeteilt werden. Heute ist es kein Problem, einen oder mehr Stränge mit Wasser, Abwasser und Heizung hochzuziehen. Hier müssen die Leute vorübergehend in einen anderen Block umziehen (organisiert die Baugesellschaft), damit der zu renovierende Block leersteht und schnell und einigermaßen kostengünstig renoviert werden kann. Im Idealfall können dann die früheren Mieter wieder zurück in die frühere Wohnung. Leider ist es aber zunehmend so, daß Luxussanierung betrieben wird und die Mieten dann so hoch sind, daß die alten Mieter sie sich nicht mehr leisten können.

    Auch bei uns gibt es den Run auf die Großstädte, während das Land verödet. Ich bin der Meinung, daß der Staat in diesen Wildwuchs, der große Pobleme mit sich bringt, eingreifen muß.

    • Danke, Beate für so eine ungleichgültige Rückmeldung zum Thema. Das Problem bleibt wirklich immer noch sehr aktuell, obwohl wir schon in 21. Jahrhundert leben, wo die Zivilisation schon so viel geschafft hat. Komisch dabei ist, dass die Stadt St. Petersburg jedes Jahr größer und breiter mit den neugebauten Häusern wird. Also die Stadtbau bleibt nicht stehen und immer wieder bekommen wir die neuen Wohnhäuser und die Wohnungen werden dort sofort ausverkauft. Wenn es alles richtig in Stadtpolitik gelaufen wäre, würden schon alle Bedürftige aus Kommunalkas ihre eigene Privatwohnungen bekommen. Aber da läuft was falsch und es sieht aus, dass man einfach Vorteil hat, die Leute für immer in Gemeinschaftswohnungen zu halten.

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